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Nukleare Abschreckung

Der russische Präsident Wladimir Putin hat während des Ukrainekriegs den Einsatz von Atomwaffen angedroht. Expert*innen sind sich nicht einig, ob diese Drohung ernst zu nehmen ist oder nicht. Der Begriff «nukleare Abschreckung» wurde in Medienberichten oft erwähnt. Aber was bedeutet das eigentlich?

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten Menschen immer tödlichere Waffen, von Katapulten zu Kanonen und schliesslich zu Bomben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen aufgrund des rasanten wissenschaftlichen Fortschritts die ersten Theorien zur Kernspaltung und damit zu Atomexplosionen auf. Während bis anhin Bomben auf chemischen Reaktionen basierten, die schliesslich zu Explosionen führten, basierte die Kernwaffe auf der Spaltung von Atomen – ein Verfahren, das massiv mehr Energie freigesetzt als eine chemische Explosion. Dazu kommt eine Verstrahlung, die ganze Landstriche unbewohnbar macht.
Diese verheerende Waffe wurde bislang nur zweimal in einem Krieg eingesetzt: Während des Zweiten Weltkriegs, als die USA die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki bombardierten. Die geschockte japanische Regierung kapitulierte angesichts der gewaltigen Zerstörungskraft der neuartigen Bomben, doch bis heute ist umstritten, ob der Einsatz der Atomwaffen angesichts des Kriegsverlaufs angemessen war.
Andere Länder rüsteten auf und die Sowjetunion und USA hatten bald so viele Atomsprengköpfe in ihrem Arsenal, dass sie die ganze Welt in einen nuklearen Winter stürzen konnten. Ziel war es dabei, den Kontrahenten vor einem Angriff abzuschrecken. Das Konzept der nuklearen Abschreckung beinhaltet die gegenseitig gesicherte Vernichtung (Mutual Assured Destruction) und soll garantieren, dass im Falle eines Atomschlags der Gegner ebenfalls zerstört wird. Aus diesem Grund stationierten die USA und die Sowjetunion überall auf der Welt Atomwaffen auf geheimen Basen, U-Booten oder in Raketenbasen.
Die gewaltige Zerstörungskraft der Kernwaffen führt dazu, dass die Atombombe eher eine politische als militärische Waffe ist – gemäss geltendem Kriegsrecht gibt es nämlich kein legitimes Ziel, dass den Einsatz rechtfertigt. Die Konsequenzen sind zu weitreichend, die Reaktion zu zerstörerisch.
Wie ist also die Drohung Putins über den Gebrauch von Atomwaffen zu verstehen? Gemäss der Theorie der Gewalteskalation ist es das Ziel, einen militärischen Gegner mit steigenden Kosten/Risiken zum Aufgeben zu zwingen. In diesem Sinne könnte argumentiert werden, dass mit der Erhöhung des Einsatzes die russische Regierung weitere Waffenlieferungen in die Ukraine verhindert und nicht unbedingt Kernwaffen einsetzen will. Problematisch bei diesem Ansatz, oder auch bei anderen Theorien, ist, dass schlussendlich Menschen Entscheidungen treffen und sich womöglich irrational verhalten oder es durch die Eskalationsspirale zu einem ungewollten Krieg kommt. Auch eine Verkettung von unvorgesehenen Umständen kann dazu führen, dass die Welt in einen Atomkrieg hineinschlittert.

Was am 26. September 1983 nicht passierte: Der Dritte Weltkrieg

Während des Kalten Kriegs standen sich die USA und die Sowjetunion als Gegenspieler gegenüber. Beide Länder hatten nach dem Zweiten Weltkrieg erheblich aufgerüstet, und besassen ein umfangreiches Atomwaffenarsenal. Moskau und Washington verharrten in einem sogenannten Gleichgewicht des Schreckens und befürchteten Atomwaffenangriffe des jeweils anderen Landes. Mittels Satelliten überwachten sie die militärischen Anlagen des Gegners, um bei einem Atomwaffenschlag mit gleichen Mitteln zurückzuschlagen.
Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow war am 26. September 1983 zuständig für die sowjetische Satellitenüberwachung der amerikanischen Militärbasen. Als das computerisierte Frühwarnsystem meldete, dass in den USA ein Raketenstart verzeichnet wurde, brach Hektik aus. Nach einem Raketenstart hatte die sowjetische Führung 28 Minuten Zeit, bis die Raketen einschlugen, um den Gegenschlag einzuleiten. Doch Petrow glaubte nicht an einen amerikanischen Erstschlag, selbst dann nicht, als das Computersystem weitere Raketenstarts in den USA meldete. Er blieb trotz enormem Zeitdruck dabei, dass es ein Fehlalarm sein musste und wartete zu – für einen Erstschlag hätten seiner Meinung viel mehr Raketen eingesetzt werden müssen. Petrow hatte aber keine Möglichkeit, seine Einschätzung mit Fakten zu untermauern, erst als die 28 Minuten verstrichen waren und es zu keinen Explosionen kam, herrschte Gewissheit darüber, dass es ein Fehlalarm war.
Tatsächlich stellte sich später heraus, dass das sowjetische Frühwarnsystem Sonnenreflektionen auf Wolken als Raketenstarts fehlinterpretiert hatte. Angesichts der damals angespannten Lage zwischen den USA und der Sowjetunion hat sein Misstrauen gegenüber den Computermeldungen vermutlich einen Atomkrieg verhindert, auch wenn letztlich die Regierung in Moskau noch den finalen Befehl hätte erteilen müssen.

Auftrag

  • Schauen Sie sich das Video an und beantworten Sie die Verständnisfragen dazu.

    a.) An welcher Aussage von Putin können Sie erkennen, dass er mit dem Gebrauch von Atomwaffen droht?

    b.) Inwiefern gelingt Putin mit der Erwähnung von Nuklearwaffen eine Abschreckung?

    c.) Wie äussert sich, dass diese Abschreckung Wirkung zeigt?

    d.) Was hat Russland in seiner Nukleardoktrin festgehalten?

    e.) Inwiefern zeigt sich, dass der Westen die Drohgebärden von Putin ernst nimmt?

    f.) Wie sollte der Westen gemäss der Expert*innen auf die Drohgebärden Russlands reagieren?

  • Studieren Sie das Instrument «Die drei Hauptziele der guten Staatsführung». Regierungen, welche die drei Hauptziele der guten Staatsführung nicht erfüllen können, nutzen oft eine bestimmte Strategie, damit sich die Bevölkerung nicht gegen sie auflehnt. Erklären Sie diese Strategie unter Einbindung der aktuellen Situation in der Ukraine.

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