Wie viele Einwohnerinnen und Einwohner verträgt die Schweiz? Angesichts der anstehenden Abstimmung über die 10-Millionen-Initiative der SVP wird diese Frage derzeit heiss diskutiert. Tatsächlich wächst die Schweiz. Dafür ist aber nicht nur die Zuwanderung von gut ausgebildeten Bürgerinnen und Bürgern aus der EU verantwortlich, sondern auch die Geburtenrate. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder in Europa, in denen noch mehr Menschen geboren werden als sterben – in allen Regionen des Landes. Aber wie lange noch? Auch hierzulande hat die Geburtenrate einen historischen Tiefstand erreicht.
Doch weshalb eigentlich wächst die Schweiz, wo tut sie das am stärksten und wie liegt sie im internationalen Vergleich? Diesen Fragen ist kürzlich der «Tages-Anzeiger» nachgegangen. Mittels einer interaktiven Karte zeigt die Tageszeitung auf, dass Europa seit 2014 in Zentral- und Westeuropa in vielen Regionen wächst, während die Bevölkerung in Ost- und Südeuropa vielerorts schrumpft. Die Schweiz sticht dabei heraus: Als eines der wenigen Länder Europas wächst die Bevölkerung hier in allen Regionen, also in allen Kantonen. Die Hälfte der Kantone zählt sogar zu jenen hundert Regionen in Europa, die seit 2014 am stärksten gewachsen sind. Weit vorne dabei sind in dieser Statistik unter anderem die Kantone Freiburg, Aargau, Thurgau, Waadt und Zürich, die durchschnittlich zwischen 1,20 und 1,39 Prozent gewachsen sind.
Es wächst vor allem die Agglomeration
Dass diese Entwicklung mit der Zuwanderung zusammenhängt, dürfte wenig überraschen. Ist doch die Schweiz als Standort wirtschaftlich sehr attraktiv für Zuzüger aus dem Ausland. Sie zieht vor allem gut ausgebildete Bürgerinnen und Bürger aus der EU an. Doch allein damit ist das Wachstum nicht erklärt. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt auch der Geburtenüberschuss. Tatsächlich ist die Schweiz eines der wenigen Länder in Europa, in denen noch mehr Menschen geboren werden als sterben. In vielen anderen europäischen Ländern ist diese Bilanz negativ, insbesondere in Ost- und Südeuropa. Italien beispielsweise hat eine der niedrigsten Geburtenraten. Die Bevölkerung dort würde sich ohne Migration bis ins Jahr 2099 mehr als halbieren. Einzig in West- und Nordeuropa gibt es noch wenige Länder, die über einen Geburtenüberschuss verfügen. Auch dieser wird aber jedes Jahr kleiner.
Anders als etwa in Polen oder Spanien ist das Wachstum in der Schweiz nicht nur auf die grossen Städte begrenzt. Es gibt aber hierzulande grosse Unterschiede. Besonders deutlich werden diese auf der Gemeindeebene: Während das Mittelland wächst, nimmt die Bevölkerung in den Bergen und im Tessin in vielen Gemeinden ab. Ins Auge sticht zudem die Tatsache, dass nicht die grossen Städte am meisten boomen, sondern die Agglomerationen und die daran angrenzenden ländlichen Gemeinden. So sind zum Beispiel die Zürcher Gemeinden Dübendorf (+2,2 Prozent), Opfikon (+2,3) oder Uitikon (+3,7) alle stärker gewachsen als ihr grosser Nachbar die Stadt Zürich (+ 1,1 Prozent). Diese Entwicklung lässt sich auch in anderen Städten wie etwa Luzern, Bern oder Genf beobachten. In der Rangliste aller 2131 Gemeinden findet sich erst auf Platz 699 mit Winterthur die erste grössere Stadt. Zürich folgt auf Rang 800.
Im Tessin fehlen die Arbeitskräfte
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass trotz des Wachstums die Geburtenrate in der Schweiz ebenfalls einen historischen Tiefstand erreicht hat. Sollte sie weiterhin fallen und sollte sich vielleicht die Zuwanderung künftig anders entwickeln, dann könnte der Fall eintreten, dass die viel diskutierte 10-Millionen-Grenze gar nie überschritten wird. Ein schwächeres Wachstum oder gar ein Bevölkerungsrückgang hätte den Vorteil, dass sich wohl der Dichtestress reduzieren würde, Strassen und Züge weniger voll wären und die Wohnungsnot in der Schweiz kleiner würde.
Allerdings könnten dadurch wirtschaftliche Probleme auf uns zukommen. Dies verdeutlicht das Beispiel Tessin, wo die Bevölkerungsbilanz ohne die Zuwanderung klar negativ wäre. In der italienischsprachigen Schweiz sorgt der Abgang junger, gut ausgebildeter Personen für einen Arbeitskräftemangel. Dies hat zur Folge, dass Unternehmen sich schwer tun zu wachsen oder sich gar nicht erst im Tessin ansiedeln. Zudem verschiebt sich das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Pensionierten zunehmend: Während die Zahl der Personen im Ruhestand wächst, nimmt jene der Menschen im arbeitsfähigen Alter ab. Wodurch die Sozialsysteme stärker unter Druck geraten, ebenso wie das Gesundheits- und Pflegesystem. Ein schwächeres Wachstum wäre also für die Schweiz wohl Segen und Fluch zugleich.
Auftrag 1: Artikel lesen
Lesen Sie den Titel und Lead. Diskutieren Sie zu zweit zwei Minuten, worum es im Text gehen könnte und was Sie bereits zum Thema wissen.
Lesen Sie nun den ganzen Artikel und markieren Sie Schlüsselwörter.
Teilen Sie die sechs Abschnitte untereinander auf. Formulieren Sie zu den zugeteilten Abschnitten jeweils die Frage, die im Abschnitt beantwortet wird. Beantworten Sie im Anschluss gemeinsam mündlich die formulierten Fragen.
Auftrag 2: «Nachhaltigkeitsinitiative»
Lesen Sie das Grundlagenwissen «Nachhaltigkeit» aufmerksam durch.
Ordnen Sie Aspekte aus dem Text den drei Nachhaltigkeitsbereichen zu (ökologisch, wirtschaftlich, sozial). Diskutieren Sie anschliessend zu zweit: Welche Bereiche sind vom Wachstum besonders stark betroffen?
Auftrag 3: Rechercheaufgabe
Recherchieren Sie die Bevölkerungsentwicklung Ihrer Wohngemeinde (Ständige und nichtständige Wohnbevölkerung nach Jahr, Kanton (-) / Bezirk (>>) / Gemeinde (......), Bevölkerungstyp, Staatsangehörigkeit (Kategorie), Geschlecht und Alter. PxWeb).
Beantworten Sie folgende Fragen:
Ist die Bevölkerung in den letzten Jahren gewachsen oder geschrumpft?
Welche Gründe könnte es dafür geben?
Welche Auswirkungen hat dies auf Wohnen, Verkehr oder Arbeitsplätze?
Haben Sie spannende Resultate? Stellen Sie diese Ihrer Klasse vor.
Auftrag 4: Die Schweiz im Jahr 2050
Stellen Sie sich vor, Sie wachen an einem Morgen in der Schweiz auf und es ist das Jahr 2050. Schreiben Sie einen Brief aus der Zukunft. Beschreiben Sie dabei, wie die Menschen leben, wohnen und arbeiten. Gehen Sie auch darauf ein, wie sich das Bevölkerungswachstum auf Verkehr, Umwelt, Städte und das Zusammenleben ausgewirkt hat. Lesen Sie Ihren Text in kleinen Gruppen vor und nehmen Sie Feedback entgegen.
Auftrag 5: Arena-Diskussion zur «10-Millionen-Schweiz“-Initiative»
Bilden Sie Zweiergruppen und wählen Sie eine der untenstehenden Rollen. Bereiten Sie zusammen Argumente für oder gegen die Initiative aus der Sichtweise Ihrer Rolle vor. Beantworten Sie dabei die folgenden Hauptfragen:Soll die Schweiz ihre Bevölkerung begrenzen? Welche Chancen bringt das Wachstum? Welche Schwierigkeiten entstehen dadurch?
Wählen Sie eine Person, die an der Arena-Diskussion teilnimmt, die andere Person ist im Publikum.
Rollen: